Boris Grundl im Gespräch mit IFAM flash

Wertschätzung differenziert betrachten

Boris Grundl: In der Familie und im Freundeskreis (soziale Norm)
ist es für Menschen von Bedeutung, Wertschätzung dafür zu erhalten, dass sie einfach da sind. Einfach so. Als Mensch. Diese Nähe und Nächstenliebe ist für uns soziale Wesen sehr wichtig. Wertschätzung bedeutet hier Anerkennung als Mensch. Diese bringe ich meinem Gegenüber bedingungslos – losgelöst von jeder Bedingung – entgegen, weil er da ist und weil wir uns gegenseitig im Leben als Menschen bereichern. Diese Art der Wertschätzung schenke ich meinen Kindern, meinem Partner, meinen Freunden. Im Job (Marktnorm) ist das anders. Dort entsteht Wertschätzung durch Wertschöpfung für das Unternehmen. Es ist also eine Form von Respekt, den ich mir durch erbrachte Ergebnisse verdiene. Meinen Wert als Mitarbeiter bestimmen die Werte, die ich für die Firma schaffe. Wenn Mitarbeiter Ziele erreichen und Ergebnisse erzielen, sollte die Führungskraft ihnen Wertschätzung in Form von Respekt zollen.

Warum ist diese Unterscheidung von Wertschätzung in Form von Anerkennung als Mensch und Respekt durch Ergebnisse so wichtig?

Boris Grundl: Weil sie unser Leben in Balance bringt. In meiner Arbeit als Führungsexperte erlebe ich jeden Tag, unter welch hoher emotionaler Belastung Menschen stehen, weil sie versuchen, alles und jedem gerecht zu werden. Das frisst einen emotional auf. Diese Spannung löst sich, wenn ich verstehe, dass es im Privatleben und im Beruf andere Regeln bzw. Normen für ein Miteinander gibt: die soziale Norm und die Marktnorm. Das Vermischen dieser beiden Normen belastet uns nahezu täglich. Nehmen Sie – passend zur Vorweihnachtszeit – das Preisschild auf dem Geschenk als Beispiel. Warum entfernen wir es, wenn wir das Geschenk verpacken oder übergeben? Weil wir nicht möchten, dass es aus dem Blickwinkel des Marktes betrachtet wird. Es soll dem Privatleben, dem sozialen Bereich zugehören. Das Preisschild markiert diese wichtige Trennlinie von sozialem Feld und Markt für ein Leben in Balance.

Wenn wir lernen, sauber zu unterscheiden und jede Handlung richtig einzuordnen, vermeiden wir unglaublich viele emotionale Spannungen. Wer lernt, zwischen der Welt der Ergebnisse und der Welt des Sozialen zu trennen, erwirbt die Fähigkeit, diese Widersprüche zu erkennen, anzusprechen und aufzulösen. Und das relativiert dann auch die Modewelle „Wertschätzung am Arbeitsplatz“, die wir gerade erleben.

 

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit der Unterscheidung von sozialer Norm und Marktnorm gemacht?

Boris Grundl: Ich erinnere mich an viele Situationen in meinem Leben, in denen es zu unangenehmen Spannungen kam, weil ich noch keine Klarheit über die beiden Pole hatte. Ich sah, dass dieser Normenkonflikt oft die entscheidende Rolle spielte. Bei Freunden stammten die Vorwürfe aus der sozialen Norm. Für sie war ich manches Mal zu fordernd. Meine Mentoren aus der Marktnorm warfen mir oft mangelnde Ergebnisorientierung und Weichheit vor. Ein Beispiel: Mein Handeln als Spieler der Rollstuhl Rugby Nationalmannschaft war sehr auf Ergebnisse und Wirkung ausgerichtet. Also eher Marktnorm. Doch ehrenamtlicher Sport gehört in die soziale Norm. So hatte ich meist ein Einzelzimmer. Ging es um Verantwortung und Probleme, war ich sehr gefragt. Ging es um persönliche Nähe, Entspannung und ein Bier am Abend, war ich weniger gefragt. Wer lernt, zwischen der Welt der Ergebnisse und der Welt des Sozialen zu trennen, erwirbt die Fähigkeit, diese Widersprüche zu erkennen, anzusprechen und aufzulösen. Und das relativiert dann auch die Modewelle „Wertschätzung am Arbeitsplatz“, die wir gerade erleben.

Meinen Sie damit, dass wir im Business die Art der Wertschätzung verwechseln? Denn Wertschätzung an sich ist doch sehr wünschenswert.

Boris Grundl: Ja, weil wir die Normen verwechseln. Mitarbeiter und Führungskräfte sind verpflichtet, das zu klären und darin klar zu unterscheiden. Viele, die im Privaten (soziale Norm) zu wenig Wertschätzung (Anerkennung als Mensch) erhalten, wollen das am Arbeitsplatz (Marktnorm) ausgleichen. Statt sich Wertschätzung für tatsächlich erbrachte Leistung zu erarbeiten, möchten sie schon ein Lob für ihre Anwesenheit und ihre guten Absichten. Für solche Menschen wird jedes negative Feedback zur Selbstwert-Nagelprobe. Denn sie verwechseln Feedback mit Lob. Jede sachliche Kritik wird als persönlicher Angriff gewertet, da sie sich in erster Linie eine reine Bestätigung als Mensch erhoffen (soziale Norm). Sie müssen sich klar machen, dass man ihren Wert als Mensch zwar nicht bestreitet, dass es hier, im Job, in erster Linie aber um etwas ganz anderes geht, nämlich um Leistung.

Das heißt, das Problem im Business entsteht überall dort, wo diese Normen nicht sauber verstanden und gelebt werden?

Boris Grundl: Ja, genau! Da legen sich manche Unternehmen selbst ein Ei ins Nest. Durch das Signal „Wir sind eine große Familie“ (soziale Norm) werden falsche Erwartungen herbeigeführt. Firmen sind weniger Anerkennungsorte für das reine „Menschsein“. Sie sind Wertschöpfungsfabriken durch erbrachten Nutzen bzw. Ergebnisse. 

Kein Unternehmen ist wie eine große Familie. Das wird spätestens dann klar, wenn zu wenig Profit erwirtschaftet wird. Ein Unternehmen ist ein System, dass durch einen Kundennutzen Umsatz und Profit generiert und Arbeitsplätze schafft. Ein Unternehmen ist nicht dafür da, das man sich „fallen lassen“ kann, sondern um für den Gegenwert Geld einen Nutzen zu liefern und zu leisten. Fallen lassen sollte ich mich primär in der sozialen Norm. Deswegen ist ein intaktes privates Umfeld auch so wichtig! Es gilt: Aufladen in der sozialen Norm, leisten in der Marktnorm. Ein starker Satz dazu stammt von Theodor W. Adorno, der sagte: „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Genau das ist Marktnorm eben nicht. Ein Lob für Bemühungen, Absichtserklärungen oder Selbstverständliches ist hier fehl am Platz. Viele Führungskräfte machen genau diesen Fehler, ihre Mitarbeiter für etwas zu loben, obwohl die Ergebnisse noch zu schwach sind. Zur Marktnorm gehört Erfolg, zur sozialen Norm Erfüllung.

Ein schwieriges Thema, denn Menschen reagieren oft sehr emotional, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie erwarten. Wie sollen Führungskräfte damit umgehen?

Boris Grundl: Was heutzutage auffällt, ist die Tendenz, dass viele Menschen negative Kritik besser verteilen als aufnehmen können. Da ist etwas aus der Balance geraten. Und zwar gewaltig! Eine Führungskraft darf nicht zulassen, dass ein Mitarbeiter dicht macht, weil er negatives Feedback persönlich nimmt. Schließlich ist jede Auseinandersetzung mit der Leistung – positive und negative Kritik – auch ein menschliches Privileg. Sie gibt dem Kritisierten wichtige Hinweise für dessen persönliches Wachstum. Führungskräfte müssen ihren Mitarbeitern den Unterschied der Normen und die Differenzierung der Wertschätzung vermitteln.

Ein schmaler Grat, auf dem schnell Missverständnisse entstehen. Wie kann man diesem ständigen „Sich selbst im Weg stehen“ begegnen?

Boris Grundl: Die Folgen solcher Missverständnisse sehen wir täglich in vielen Bereichen. Ein Fußballer verweigert seinem Trainer nach der Auswechslung den Handschlag, ein Ehemann vergisst den Hochzeitstag, ein Chef übersieht die Bemühungen seines Mitarbeiters – na und? Vielleicht schütteln sich der Fußballer und der Trainer nachher in der Kabine die Hände, vielleicht ist dem Ehemann seine Frau viel wichtiger als die Hochzeit, und vielleicht ist der Chef eher an Ergebnissen interessiert als an Bemühungen.

Das ist alles möglicherweise keine große Sache. Trotzdem lässt vielen Menschen schon der bloße Verdacht, jemand entziehe ihnen die Anerkennung, den Kamm schwellen. Als bestünde ein legitimes Recht auf Anerkennung. Oder umgekehrt betrachtet: als sei es eine Pflicht, Anerkennung und Wertschätzung zu geben. Wird diese Pflicht nicht erfüllt, fühlt sich der Nichtanerkannte verkannt und der Nichtwertgeschätzte entwertet. Im Empfinden dieser Menschen ist der Selbstwert also abhängig von der Wertschätzung von außen. Fehlt sie, fühlen sie sich schlecht – und verantwortlich für ihre schlechten Gefühle machen sie den Anerkennungsverweigerer.

Das heißt, es ist alles eine Frage des Selbstwertes?

Boris Grundl: Ja, es hat viel mit Selbstwert zu tun. Wenn ich an meinem Selbstbild nicht arbeiten will, bleibt mir nichts anderes übrig, als andere für die fehlende Anerkennung verantwortlich zu machen. Schuld daran, dass ich mich schlecht fühle, ist dann der Partner, die Kinder, der Chef, die Kameraden, die mir vermeintlich meine Anerkennung verweigern. Und was tue ich, wenn sich mein Vorgesetzter „aus der Deckung wagt“ und die Wahrheit sagt, der ich mich selbst nicht stellen will: „Du machst einen vernünftigen Job, bist aber deswegen noch lange nicht herausragend.“ Dann reagiere ich empfindlich und werfe ihm mangelnde Wertschätzung vor.

Oder betrachten wir das Bild der verletzten Ehefrau, deren Mann den gemeinsamen Hochzeitstag vergisst: Hat sie ein stabiles Selbstwertgefühl und ist die Beziehung intakt, dann wird sie über die Zerstreutheit ihres Mannes am Hochzeitstag lächeln. Und sie bestellt an seiner statt einen Tisch im Restaurant und schenkt ihm eine Rose oder ein Schmuckstück.

Ist ihr Selbstwertgefühl dagegen angeknackst, ist sie unzufrieden mit sich und ihrer Situation, dann trifft es sie hart, dass ihr Ehemann an diesem besonderen Tag nicht daran denkt, sie mit einer Aufmerksamkeit aufzuwerten, um ihren fehlenden Selbstwert zu kompensieren. Ihr stillschweigender Auftrag an ihn lautet: Gib mir Wert! Her mit dem Ring – ich brauche eine Bestätigung, dass ich dir wichtig bin! Sie erwartet, dass er ihr das gibt, was ihr selbst fehlt. So lebt sie in dem unerfüllbaren Anspruch an ihren Mann: Mach mich glücklich! Dabei ist es eben genau dieser Anspruch, der direkt ins Unglück führt und so viele Beziehungen scheitern lässt.

So einfach ist das mit dem Selbstwert ja leider nicht. Vielen Menschen fehlt er einfach. Wie können wir damit umgehen – bei anderen und bei uns selbst?

Boris Grundl: „Erkennen – Anerkennen – Transformieren“ heißt der Dreiklang. Zuerst muss ich erkennen, wie oft mir mein mangelnder Selbstwert im Wege steht. Ein Indiz für solche Momente ist die Freude, die ich empfinde, wenn jemand anderem etwas misslingt. Oder das Gefühl der Überlegenheit, das sich einstellt, wenn andere mentale Erniedrigung erfahren. Solche Gefühle entstehen nur aufgrund meines mangelnden Selbstwertes in diesem Moment. Dafür muss ich mich selbst beobachten lernen. Im nächsten Schritt gilt es, das emotional anzuerkennen. Eine schwierige Übung, denn erst, wenn ich die Verantwortung für diesen inneren Mangel übernehme, anstatt andere verantwortlich zu machen, kann ich ihn auch transformieren (auflösen / reinigen). Gelingt es mir, diese Verantwortung zu übernehmen, entwickle ich auch mehr Verständnis für das Gefühl der mangelnden Anerkennung und Wertschätzung, das viele Menschen haben. Wir sollten aber auch wissen, dass das gefühlte Defizit desjenigen nicht dadurch aufzulösen ist, dass andere angeklagt werden. Sondern nur dadurch, dass man sich darüber bewusst wird, was jetzt da ist, und das anerkennt. Nicht dem hinterhergieren, das man nicht hat, sondern das schätzen, was man hat. Schonungslos.

Diese Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist eine große Stärke. Sie verhindert nicht nur Verbitterung, sondern verändert meine Haltung zu meinem Umfeld: Mein Anspruch an andere, mich endlich gebührend wertzuschätzen, erübrigt sich. Stattdessen kann ich mich darauf konzentrieren, an mir zu arbeiten und an den Ergebnissen, die ich erzielen will. So finde ich meinen Platz im Leben. 


Herr Grundl, vielen Dank für dieses inspirierende Gespräch.

Boris Grundl: Danke ebenfalls. Und ein erholsames Weihnachtsfest im Kreise Ihrer Familie. Erholen Sie sich gut (soziale Norm), um dann wieder mit Spitzenergebnissen Ihrer Berufung zu folgen (Marktnorm).

 

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