Trends aus der Verlagswelt

Quo vadis Tageszeitung?


Klaus Methfessel war von 2007 bis 2013 Leiter der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten der Verlagsgruppe Handelsblatt. Seit Anfang des Jahres ist er im Bereich Medien/Kommunikation selbstständig. Er ist zudem Journalismus-Dozent an der BITS – Business and Information Technology School.






Herr Methfessel, mit der ‚Frankfurter Rundschau’ und der ‚Financial Times Deutschland’ hat es zwei wichtige Tageszeitungen erwischt. Hat das große Zeitungssterben begonnen?

Klaus Methfessel: Das glaube ich nicht, hier handelt es sich um individuelle Entwicklungen. Die Frankfurter Rundschau hat sich immer als linksliberales, gewerkschaftsnahes Blatt verstanden, und diese Leserschaft ist seit den 60er Jahren geringer geworden. Linksliberale Leser greifen zudem heute lieber zur Süddeutschen oder zur taz. Und die Financial Times Deutschland hat im Laufe ihrer Zeit nie schwarze Zahlen geschrieben, sie war also nie aus sich selbst heraus lebensfähig. Sie war Ausdruck des Medienhypes um die Jahrtausendwende, auf dessen Höhepunkt sie gegründet wurde.

Die Leser bekommen doch im Netz die gleiche Nachrichtenqualität, nur schneller. Hat das Internet die Tageszeitung ersetzt?

Klaus Methfessel: Es stimmt zwar, dass die Auflagen der Zeitungen stark rückläufig sind. Sie sind in den vergangenen zehn Jahren um etwa 25 Prozent gefallen. Da gibt es nichts zu rütteln. Viele Leser sind ins Internet abgewandert. Hintergrund sind gesellschaftliche Veränderungen. In Städten leben immer mehr Menschen in Singlehaushalten, anstatt des gemeinsamen Frühstücks hat sich das Prinzip „Coffee to go“ durchgesetzt. Die besondere Atmosphäre, als das Zeitungslesen am gemeinsamen Frühstückstisch noch ein Familienereignis war, gibt es heute nicht mehr. Früher las der Vater den Politik- und Wirtschaftsteil einer Zeitung, der Sohn den Sportteil und die Mutter den Lokal- und Gesellschaftsteil, und man unterhielt sich dabei über die wichtigsten Ereignisse des Vortages.

Im Gegensatz zu damals sind die jüngeren Leute heute mobil unterwegs und informieren sich in den  Onlineportalen der Zeitungen.

Der Bedarf an Information ist aber im Vergleich zu früher überhaupt nicht geringer geworden. Die Informationskanäle sind nur andere. Allerdings sind die Informationen aus dem Netz meist noch kostenlos. Aber es waren die Verlage selbst, die im Medienhype der 2000er Jahre ihre Onlineportale kostenlos machten, weil  sie über die Gewinnung von Reichweite ein riesiges Werbegeschäft witterten.

Das war ja offenbar eine Fehlkalkulation.

Klaus Methfessel: Ja, die Werbeerlöse bei den Onlineportalen konnten in keiner Weise den Wegfall an Anzeigenerlösen der Printprodukte kompensieren. Und natürlich hat auch der Auflagenrückgang der Zeitungen deren Anzeigengeschäft nicht attraktiver gemacht. Doch die ökonomischen Schwierigkeiten der Verlage bedeuten ja nicht, dass das Interesse an journalistisch aufbereiteten Informationen zurückgeht. Im Gegenteil. Es ist zwar gut möglich, dass in kleinen Städten die Tageszeitungen sterben oder zur Fusion oder zum Verkauf gezwungen oder nur als Onlineportale überleben werden. Aber wir haben auch gegenteilige, positive Entwicklungen. So konnte die Wochenzeitung ‚Zeit’ in den vergangenen Jahren ihre Auflage um 100.000 steigern.

Wie sehen Sie die Zukunft der Verlage?

Klaus Methfessel: Verlage müssen ihre Strukturen verbessern. Sie dürfen nicht nur ein Produkt anbieten, sondern die Redaktionen müssen unterschiedliche Lesebedürfnisse abdecken und unterschiedliche Kanäle bedienen. Sie müssen sich daran orientieren, was die Zielgruppe wissen will und wann und wie der Leser informiert werden möchte. Dazu müssen sie auch eine stärkere Beziehung zum Leser aufbauen – Information ist keine Einbahnstraße mehr. Die Tageszeitung hat da noch einiges in Reserve, wie sie auf die strukturellen Veränderungen im Lesermarkt reagieren kann. Aber die Verlage müssen auch mit der Unsitte Schluss machen, Informationen im Internet kostenlos anzubieten. Der Axel-Springer-Verlag setzt bereits zunehmend auf Bezahlinhalte im Internet.

Herr Methfessel, Ihrer Meinung nach hat die Tageszeitung also noch eine Chance?

Klaus Methfessel: Bill Gates hat zur Jahrtausendwende prophezeit, dass die Tageszeitungen in zehn Jahren tot seien. Doch die Totgesagten leben länger. Ich sehe noch gute Möglichkeiten für sie. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, Medien ersetzen sich nicht, sie ergänzen sich. Die Verlage sind allerdings gut beraten, die Qualität ihrer Redaktionen zu verbessern, damit sie den Ansprüchen der Leser gerecht werden.

Herr Methfessel, vielen Dank für Ihre Einschätzungen.

 

 

© Les Cunliffe - Fotolia.com

© Scanrail - Fotolia.com

© JiSIGN - Fotolia.com

© Jürgen Fälchle - Fotolia.com